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Eine kreative Modedesignerin in einem Atelier, vor Büsten mit Kleidern im Hintergrund und neben ihr ein großer Computermonitor, auf dem mehrere Kleiderentwürfe in einer Designsoftware angezeigt werden.

KI in der Modebranche: 7 Bereiche, die der technologische Wandel verändert

Der Einfluss der Künstlichen Intelligenz auf die Fashion-Branche ist bereits greifbar. Algorithmen entwerfen Kollektionen, Daten antizipieren Trends und KI-Systeme optimieren Lieferketten in der längst globalisierten Modewelt. Was vor wenigen Jahren noch als Zukunftsvision galt, ist in der Branche zumindest in Teilen operative Realität geworden.


Doch wie tiefgreifend ist der Wandel tatsächlich? Und wo liegen die blinden Flecken in der Modebranche, wenn es um die tatsächliche Praxisrelevanz des KI-Einsatzes geht? Expert:innen, wie Prof. Dr. Ingo Rollwagen von der AMD Akademie Mode & Design Berlin, schätzen die Lage differenziert ein.

Prof. Dr. Rollwagen sieht Chancen und Risiken für KI in der Fashion-Branche

Die folgende Analyse zu den Bereichen, in denen KI die Fashion-Branche maßgeblich beeinflussen kann, stützt sich auf ein Gespräch mit Prof. Dr. Rollwagen im Podcast adhibeo der Hochschule Fresenius sowie ein ausführliches Interview, welches das Fachmagazin FashionToday im November 2025 mit ihm geführt hat. 

Rollwagen ist Professor für Management in der Kreativ- und Wissenswirtschaft an der AMD in Berlin und beschäftigt sich seit mehreren Jahren mit der nachhaltigen und ethischen Nutzung von KI in Mode-, Kreativ- und Textilbranchen.

Im Folgenden werden sieben Bereiche der Modeindustrie vorgestellt, in denen KI schon heute und in Zukunft Einfluss nimmt. Es werden aber auch Limitationen und ethische Konflikte aufgezeigt, die mit dem Einsatz von KI in der Modebranche einhergehen:

#1: Design und Kollektionsentwicklung

Die vielleicht folgenreichste Verschiebung vollziehe sich, so der Professor, derzeit nicht im Design-Studio, sondern auf der Ebene der Marktarchitektur selbst. Er skizziert eine Zukunft, in der die klassische Trennung zwischen Produzent, Marke und Händler zunehmend obsolet werde. Wenn beispielsweise Faserhersteller mit Softwareunternehmen kooperieren und Technologieplattformen den Direktvertrieb organisieren, entstehen neue Marktakteure, für die es bislang noch keinen etablierten Begriff gibt.

Bestehende Player müssen sich also strecken, denn der Wettbewerb kommt künftig nicht nur aus der eigenen Branche, sondern z. B. aus der Materialforschung und aus datengetriebenen Unternehmen, die Mode als ein ökonomisches Optimierungsproblem ansehen. Auch virtuelle Kleidung und neue tokenbasierte Eigentumsmodelle als Vorboten einer neuen Wertschöpfungslogik gehören in diesen Kontext.

Die Konsequenz für etablierte Unternehmen sei daher klar: Wer die eigene Marktposition allein auf historisch gewachsenen Strukturen aufbaut, ohne die datenstrategische Dimension mitzudenken, verliere mittelfristig an Gestaltungsmacht.

#2: Materialforschung und Supply Chain

KI verändert, wie die Branche mit Materialien und Lieferketten umgeht. Faserhersteller wie Lenzing optimieren Produktionsprozesse bereits datenbasiert. Auf der Designseite helfen algorithmische Systeme, neue Materialien wie Tencel in Entscheidungsprozesse zu integrieren. Das geschehe, so Rollwagen, mit Nachhaltigkeits- und Kostenparametern, die manuell kaum gleichzeitig zu gewichten wären.

Der Professor nennt auch den digitalen Produktpass als künftiges Schlüsselinstrument. KI wird in der Nachverfolgung und Bewertung des Wareneinsatzes, d.h. vom Rohstoff bis zum Recycling, eine zentrale Rolle übernehmen.

#3: Marketing und Kundenkommunikation

Sowohl Marketing als auch Kundenservice gelten als Segmente, in denen die KI heute schon am weitesten in die operative Praxis vorgedrungen ist. Das gilt auch für konkrete Anwendungsfälle in der Modebranche.

Die Kommunikation wird individueller, direkter und deutlich datengetriebener. Spezielle Marktanalyse-Tools wie Heuritech oder Stylumia ermöglichen präzisere Trendprognosen. Und Plattformen wie TikTok und Instagram sind längst nicht mehr nur Distributionskanäle, sondern Datenquellen für KI-optimierte Kundendialoge. 

Rollwagen sehe zudem eine strukturelle Verschiebung: Nicht mehr die Marke allein definiert, was relevant ist, sondern die Interaktion zwischen Marke, Daten und Konsument:in.

#4: Handel und das neue Konsumentenverhalten

Rollwagen wirbt für den Begriff des „Innosumenten“. Dieser Fachausdruck beschreibt einen informierten Konsumenten bzw. eine informierte Konsumentin, der oder die nicht mehr passiv kauft, sondern aktiv mitgestaltet. 

Über Social Media verbreiten diese Akteur:innen Produkte in Echtzeit, kommentieren Kollektionen und tragen bisweilen eigene Designideen in den Markt, noch bevor entsprechende Produkte existieren. Für den Handel bedeutet das eine fundamentale Herausforderung. Wer bestehen will, braucht laut Rollwagen Geschwindigkeit, Präzision und Transparenz. 

Unternehmen wie SHEIN oder INDITEX machen vor, wie datengetriebene Sortimentssteuerung in der Praxis funktioniert – mit dramatischen Folgen für kleinere Marktteilnehmer, die nicht über vergleichbare Dateninfrastrukturen verfügen.

#5: Nachhaltigkeit und Kreislaufwirtschaft

Laut Rollwagen trage KI noch nicht zur Verbesserung der Nachhaltigkeit in der Modebranche bei. Diese Einschätzung ist deshalb bemerkenswert, weil sie dem gängigen Narrativ einer grundsätzlich ökologisch heilsamen KI widerspricht. 

Rollwagen diagnostiziert hier primär ein kulturelles Problem. In vielen Firmen entstehe sogenanntes „Herrschaftswissen“ rund um KI-Tools, das ungern geteilt werde. Open-Source-Ansätze, also offene Datenpools, auf die alle Marktteilnehmer gleichermaßen zugreifen können, sehe er als Schlüssel zu fairen Wettbewerbsbedingungen und echter Nachhaltigkeitswirkung.

Ein junger Mann mit Baseballkappe blickt nach vorn und berührt mit der Hand eine digitale Oberfläche, die auf eine Leinwand projiziert wird.

Das Potenzial ist durch eine präzisere Bedarfsplanung, optimierten Materialeinsatz und verbesserte Recycling-Logistik da. Aber es setzt voraus, was in vielen Unternehmen noch fehlt: Es mangelt an besser definierten Daten und generell einer offenen Datenkultur.

#6: Kompetenzen und Ausbildung

Was bedeutet der KI-Wandel für diejenigen, die gerade ihre Ausbildung beginnen? Geschmack, Handwerk und analytisches Denken bleiben laut Rollwagen die Fundamente der in der Branche tätigen Personen. KI-Kompetenz könne kein Ersatz sein, füge aber eine zusätzliche Dimension hinzu.

Auch für die AMD sehe Rollwagen Handlungsbedarf. Hochschulen würde eine doppelte Aufgabe zukommen, die darin liege, die klassischen Kernkompetenzen zu stärken und gleichzeitig den reflektierten Umgang mit KI-Tools zu vermitteln.

Hierzu zähle auch die Berücksichtigung der ethischen Dimension, wie Rollwagen ausdrücklich betont. Urheberrechtsfragen, Trainingsdatentransparenz und die Gefahr ästhetischer Vereinheitlichung sind heiß diskutierte Kernfragen einer verantwortungsvollen KI-Nutzung.

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#7: Neue Geschäftsmodelle und Marktstrukturen

Die vielleicht folgenreichste Verschiebung vollziehe sich, so der Professor, derzeit nicht im Design-Studio, sondern auf der Ebene der Marktarchitektur selbst. Er skizziert eine Zukunft, in der die klassische Trennung zwischen Produzent, Marke und Händler zunehmend obsolet werde. Wenn beispielsweise Faserhersteller mit Softwareunternehmen kooperieren und Technologieplattformen den Direktvertrieb organisieren, entstehen neue Marktakteure, für die es bislang noch keinen etablierten Begriff gibt.

Bestehende Player müssen sich also strecken, denn der Wettbewerb kommt künftig nicht nur aus der eigenen Branche, sondern z. B. aus der Materialforschung und aus datengetriebenen Unternehmen, die Mode als ein ökonomisches Optimierungsproblem ansehen. Auch virtuelle Kleidung und neue tokenbasierte Eigentumsmodelle als Vorboten einer neuen Wertschöpfungslogik gehören in diesen Kontext.

Die Konsequenz für etablierte Unternehmen sei daher klar: Wer die eigene Marktposition allein auf historisch gewachsenen Strukturen aufbaut, ohne die datenstrategische Dimension mitzudenken, verliere mittelfristig an Gestaltungsmacht.

Der morgige Einsatz von KI kann heute schon mitgestaltet werden

Die genannten sieben Bereiche zeigen, dass sich die Modewirtschaft nicht gleichmäßig verändert und auch nicht automatisch zum Besseren wendet. Insbesondere für eine Branche, die den Wandel traditionell eher ästhetisch antizipiert, ist das eine ungewohnte, aber notwendige Aufgabe, der es sich jetzt zu stellen gilt.

Wer in der Modebranche tätig ist, wird weiter seine menschlichen Skills einbringen können. KI muss jedoch als Werkzeug verstanden werden, welches die Fashion-Welt noch schneller drehen lässt – mit allen Chancen und Verantwortlichkeiten, die dieser Wandel mit sich bringt.

Reinhören lohnt sich

Ein komplettes Interview zu KI in der Mode mit Prof. Dr. Rollwagen – direkt aus dem adhibeo-Podcast der Hochschule Fresenius: